Auch Bielefelds Lehrer müssen regelmäßig zum TÜV

Qualitätsanalyse (QA): Experten der Bezirksregierung überprüfen seit 2005/06, wie der Unterricht ist. Die Gertrud-Bäumer-Realschule war jetzt zum zweiten Mal dran. Schulleiterin Evelyn Molle ist zufrieden, übt aber auch Kritik

Bielefeld. Normalerweise vergeben sie die Noten. Kommen die Qualitätsprüfer an die Schule, sind es die Lehrer, die bewertet werden. Aber nicht jeder einzelne, sondern die Schule bekommt ein Zeugnis ausgestellt, erklärt Andreas Sperlich, Leiter des Dezernats für Qualitätsanalyse an Schulen bei der Bezirksregierung Detmold.

Der Schul-TÜV soll dem Kollegium einen Spiegel vorhalten und Anstöße geben, die Schule voranzubringen. Der Aufwand sei zwar immens, die QA aber eine große Errungenschaft, sagt Evelyn Molle, Leiterin der Gertrud-Bäumer-Realschule. „Es geht schließlich um die Verbesserung von Unterricht.“

Molle ist seit 20 Jahren Schulleiterin. 48 Lehrer hat sie im Kollegium, 575 Schüler besuchen die Schule. 2009 wurde die Realschule das erste Mal geprüft, im Dezember 2016 kamen die Prüfer wieder. Der 64-seitige Bericht dazu – das Zeugnis für die Gertrud-Bäumer-Schule – ist gerade angekommen.

„Wir haben gut abgeschnitten“, sagt Molle. Schulnoten gibt es nicht, die Bewertungsskala reicht von einem Doppelplus bis zu einem Doppelminus. Ein Minus oder gar ein Doppelminus war an Molles Schule aber nicht dabei. „Das motiviert natürlich“, sagt sie.

Öffentlich gemacht werden die Berichte allerdings nicht. „Es gab mal die Überlegungen, die Ergebnisse mit in den Schulausschuss zu nehmen“, sagt Schulamtsleiter Georg Müller. Die aber wurden verworfen. „Wir wollen kein Schul-Bashing.“

14 Qualitätsprüfer schauen sich für die Bezirksregierung Detmold in ganz Ostwestfalen-Lippe die Qualität des Unterrichts an, testen die Führungsverantwortung der Schulleitung und fragen nach, wie zufrieden die Eltern mit der Schule sind.

In Zweierteams kommen die Prüfer dann an die Schulen. „Ein aufwendiges Verfahren, das helfen soll, die Schulen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen“, sagt Sperlich, der im Dezember mit einem Kollegen an der Gertrud-Bäumer-Schule zu Gast war. Mittlerweile haben die Prüfer alle Schulen im Regierungsbezirk besucht, sie sind jetzt in der zweiten Runde.

Es gibt ein standardisiertes Bewerbungstableau mit insgesamt 153 Kriterien, zusammengefasst in 25 Qualitätsaspekten wie Soziales Klima oder Personaleinsatz. 40 dieser Kriterien sind laut Sperlich verpflichtend, weitere kann die Schule hinzuwählen.

„Allein zum Thema Unterricht gibt es zwölf verbindliche Kriterien wie Lernumgebung, Unterrichtsklima oder selbstgesteuertes Lernen“, erklärt Evelyn Molle. In einem Abstimmungsgespräch in der Schule entscheiden Prüfer, Schulleitung, Lehrer, Schüler und Eltern dann gemeinsam, was überprüft werden soll.

Im Fall der Gertrud-Bäumer-Schule gehörten etwa die Beteiligung der Eltern am Schulleben und Regeln für Umgangsformen dazu. Müller: „Die Schulen suchen sich in der Regel Schwerpunkte aus Bereichen raus, in denen sie gut aufgestellt sind.“

Drei Tage waren die Qualitätsprüfer dann an der Schule. „Aufregende Tage“, sagt Evelyn Molle im Nachhinein. Drei Monate vorher hatte sie erfahren, wann genau die Prüfer kommen sollten.

Sie führten Interviews mit Lehrern, Schülern und Eltern. 20 Minuten waren sie im Unterricht. Geprüft wird etwa, ob die Unterrichtsstunde auch pünktlich beginnt und wie die Lernumgebung ist. „Sie sehen in dieser Zeit natürlich nicht alles“, sagt Molle. „Ich weiß von dem ein oder anderen Lehrer, dass er sich nicht richtig beobachtet fühlte.“

Diesen Kritikpunkt gebe es nicht nur an ihrer Schule, sondern auch an anderen, weiß sie als Sprecherin der neun Bielefelder Realschulen. „Die Befürchtung ist immer, dass ein ungenaues Bild vom Unterricht entsteht“, sagt sie.

Jeder Lehrer muss sich heute darauf einstellen, von den Prüfern Besuch im Unterricht zu bekommen. Laut Sperlich ist die QA für sie aber immer noch eine besondere Situation. Denn wer lasse sich schon gerne bei seiner Arbeit beobachten. „Es geht aber gar nicht um Einzelpersonen, sondern vielmehr um Unterrichtsentwicklung“, sagt Molle. „Wir wollen Gutes noch besser machen.“

Schulamtsleiter Müller sieht die Analyse auch eher als Hilfsmittel für die Schulen. „Schule als Apparat schwimmt oft im eigenen Saft“, sagt er. Da wäre es gut, wenn mal externe Fachleute drauf schauen. Die Vorbereitung der QA frisst laut Molle allerdings viel Zeit. Die Schule nämlich muss der Bezirksregierung im Vorfeld des Besuchs allerhand Dokumente zuschicken: vom Schulprogramm bis zu internen Lehrplänen. „Wir hatten da eine gute Basis“, sagt Molle. „Deshalb ist bei uns nicht die ganz große Panik ausgebrochen.“

Sie sieht die Analyse zwar als Chance für die Schule, ihre Stärken herauszustellen. Sie baue aber eben auch Druck auf, sagt sie.

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