„Einsprachigkeit ist nicht mehr aktuell“

Und bis wann wir eine zweite Sprache sogar ohne jeden Akzent noch lernen können

Bielefeld. Mehrsprachigkeit – das wünschen sich ganz viele Menschen. Manche mühen sich sogar noch spät im Leben dahin. Für Kinder hingegen ist es ein Kinderspiel. Darüber und viele andere Aspekte des Spracherwerbs sprach Redakteur Ansgar Mönter mit Yüksel Ekinci, Professorin an der Fachhochschule Bielefeld.

Frau Ekinci, haben Sie als einst typisches Gastarbeiterkind aus der Türkei zwei Muttersprachen? Oder ist Deutsch für sie eine Fremdsprache?

YÜKSEL Ekinci: Da ich mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen bin, sage ich, dass Türkisch meine Erstsprache oder Muttersprache ist. Ich bin also eine Spätlernerin in der deutschen Sprache. Deutsch ist aber nicht eine Fremdsprache für mich, sondern eine Zweitsprache auf gleichem Niveau. Ich habe die Schriftsprache des Türkischen sogar später erst richtig lernen können, weil wir wieder zurück gezogen sind und ich mit 16 Jahren in der Türkei auf dem Gymnasium die Fachsprache in Türkisch kennengelernt habe. Ich hatte nach der Rückkehr in die Türkei erst totale Schwierigkeiten mit der türkischen Sprache und Kultur, da mir die aktuelle türkische Fach- und Bildungssprache fehlte und musste mich deshalb dort noch einmal sprachlich und kulturell integrieren.

Was macht die Muttersprache, was die Zweitsprache aus, das Gefühl?

Ekinci: Ja, das ist wohl so. Einfach, weil ich Türkisch die ersten sechs Jahre meines Lebens gelernt und ausschließlich nur Türkisch gesprochen habe.

Trifft das auch für Ihren heute erwachsenen Sohn zu, der als Dreijähriger im deutschsprachigen Raum – Österreich – in den Kindergarten kam?

Ekinci: Man kann wie bei mir auch bei ihm sagen, das er im Deutschen ein Spätlerner – im Vergleich zum Türkischen – ist. Deswegen ist auch seine Erstsprache Türkisch.

Ist das ein Problem, wenn man in Deutschland lebt?

Ekinci: Überhaupt nicht. Mein Sohn hat sogar noch weitere Sprachen gelernt, Chinesisch noch in der Schule und jetzt im Studium Russisch.

Wann ist man kein so genannter Spätlerner?

Ekinci: Wenn Sprachen gleichzeitig, also zwei Erstsprachen gelernt werden. Beispielsweise der deutsche Vater mit dem Kind von Anfang an Deutsch spricht und die Mutter, weil sie Engländerin ist, Englisch. Dann wächst das Kind bilingual auf, dann hat es zwei Erstsprachen.

Ist es ratsam für Eltern mit unterschiedlichen Muttersprachen, ihren Kindern zugleich beide Sprachen beizubringen?

Ekinci: Ja, das ist sehr gut und praktisch für das Sprachenlernen des Kindes.

Wie sollten Zuwanderer, die das beste für ihr Kind wollen, zu Hause sprechen?

Ekinci: Sie sollten in ihrer Sprache mit den Kinder wie gewohnt weitersprechen und sie ihnen beibringen. Dann haben sie ein solides sprachliches Fundament. Auf dieser Basis erlernt das Kind die nächsten Sprachen. Wenn das Kind bereits weiß, dass ein Gegenstand „Tisch“ heißt, dann ersetzt es in der nächsten Sprache diesen Ausdruck mit dem entsprechenden der neu zu erlernenden Sprache. Auf jeden Fall würde ich den zugewanderten Eltern empfehlen, ihre Kinder so früh wie möglich in den Kindergarten zu schicken, damit sie auch früh parallel zu ihrer Erstsprache auch Deutsch lernen können.

Wäre es für Zuwanderer, die gut deutsch sprechen, nicht sinnvoller, voll auf die deutsche Sprache zu setzen?

Ekinci: Nein. Wie oben schon aufgeführt, ist bereits die vorhandene Lernerfahrung in der Muttersprache ein guter Nährboden für die Zweitsprache. Es wäre fatal, wenn man auf diese bereits angelegten und vorhandenen Ressourcen nicht zugreifen würde. Man würde bilinguale Menschen zu Monolingualität umerziehen. Außerdem sollte man die emotionale Ebene der Sprache, Kultur und Identität mitberücksichtigen. So sollten diese Kinder sich auch mit Verwandten, den Großeltern aus dem Herkunftsland und auch unterhalten können. Außerdem sind Sprachen auch eine wirtschaftliche Ressource.

Blockiert nicht die eine Sprache die andere im Kindesalter?

Ekinci: Nein. Im Gegenteil. Wissenschaftlich ist bewiesen, dass die eine Sprache die andere nicht beeinträchtigt beim Lernprozess. Ich habe das selbst so erfahren, ich spreche sowohl Türkisch als auch Deutsch seit meiner Kindheit. Ich weiß aber, dass viele Pädagogen und Lehrkräfte annehmen, dass nur eine Sprache richtig gelernt werden kann. Das stimmt definitiv nicht. Aber man muss das natürlich so gestalten, dass Kinder in gleicher Weise Spaß an den Sprachen haben. Wird ihnen vermittelt, dass eine Sprache nicht so wertvoll ist, werden sie die auch nicht so erlernen, wie sie es könnten.

Hinter der Annahme steht die Idee, dass Kinder besser Deutsch als Muttersprache haben sollten, um sich voll integrieren zu können.

Ekinci: Lassen Sie uns doch mal kurz in andere Länder schauen: Ich war kürzlich in den USA. Da ist es ganz selbstverständlich, dass man mehrere Sprachen spricht. Da guckt auch keiner, wenn man Spanisch, Italienisch oder Türkisch spricht. In Metropolen wie London oder in den skandinavischen Ländern ist das ebenso. Vielsprachigkeit ist eine Selbstverständlichkeit, Einsprachigkeit ist nicht mehr aktuell. Die Annahme jedenfalls, nur eine Sprache richtig sprechen zu können, ist falsch. Zwei Erstsprachen von Anfang blockieren sich nicht, sie befruchten sich vielmehr gegenseitig und das fördert Denken und Intelligenz. In meiner neuen Studie zur Mehrsprachigkeit im Alltag von Schule und Unterricht, die bundesweit durchgeführt wurde, zeigte sich, dass zugewanderte Schüler in der Gruppenarbeit sehr wohl ihre Erstsprachen als sogenannte Denksprache produktiv im Deutsch- und Fachunterricht gebrauchen. Das wurde von den beteiligten Lehrer registriert und angegeben.

Was ist mit Kindern oder Jugendlichen, die später kommen, mit zehn Jahren zum Beispiel?

Ekinci: Wer später lernt, etwa ab sieben oder acht Jahren, wird die neue Sprache, in unserem Fall Deutsch, oft nicht ohne Akzent sprechen. Früher hat man gesagt, mit zwölf Jahren schließt sich ein Fenster zum mühelosen Sprachlernen, heute sagt man: Die Grammatik lernt man auch später noch gut, aber eher mit dem Kopf als intuitiv, wie Kinder es tun.

Können Sie das näher erklären?

Ekinci: Das ist der Zeitpunkt, an dem jede weitere Sprache, die erlernt wird, von der Muttersprache her gehört und verstanden wird. Artikulation, Rhythmus, Melodie und Betonungen der Muttersprache sind schwerer durch die neue Sprache zu überschreiben.

Eine Sprache zu lernen ist einfacher in jungen Jahren. Gibt es definierte Stufen?

Ekinci: Bei kleinen Kindern gibt es Stufen, die mit zunehmender Reifung und Verarbeitung auch komplexer Sätze zu tun haben. Sicher wird es schwieriger, sich eine Sprache im Alter von 40 oder 50 Jahren anzueignen als im Kindesalter, aber es ist natürlich gut möglich. Die große Herausforderung, die wir jedoch angesichts der Flüchtlinge haben, ist, dass es nicht genügend auf die Zielgruppen abgestimmte Lehrwerke gibt. Erwachsene brauchen andere Lehrbücher als Kinder. Und Erwachsene je nach Bildungsstand wiederum Dementsprechende. Zudem fehlt es an ausgebildeten Lehrenden.

Bei Kindern hängt sicher viel damit zusammen, wie wichtig den Eltern Bildung ist, oder?

Ekinci: Ja, natürlich. Wenn ein Kind einen großen Wortschatz in seiner Erstsprache hat, wird es tendenziell auch einen großen Wortschatz in der Zweitsprache entwickeln. Sehr nützlich ist es, früh schon als Kleinkind viel vorgelesen zu bekommen. Dadurch erlernen die Kinder komplexe Satzstrukturen und die phonologische Bewusstheit wird entwickelt und gestärkt. Dies ist auch beim Schriftspracherwerb von Vorteil. Diese Fähigkeiten nehmen sie mit zur neuen Sprache, nutzen sie auch dort – auch wenn deren Strukturen anders sind. Deswegen sehe ich die Elternarbeit in der Kita und in der Schule als einen wichtigen Baustein beim Spracherwerb.

Bei deutsch-türkischen Familien ist oft nicht so eindeutig, welches eigentlich die Erst- und Zweitsprache ist.

Ekinci: Wenn man die Zuwanderergenerationen differenzierter betrachtet, findet man in der jetzigen dritten Generation tatsächlich kaum noch deutsch-türkische Familien, wo nur noch ausschließlich Türkisch gesprochen wird. Oder wo nur ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Meistens wechseln die Familien bewusst oder unbewusst in einem gesprochenen Satz oder in einem Gedankenzusammenhang von einer in die andere Sprache. Oder die Kinder sprechen, je nach Situation, mit ihren Freunden nur Deutsch; wenn die Großeltern dazukommen, wird wieder Türkisch gesprochen. Und mit den Eltern wechseln sie wieder zwischen den Sprachen. Man deutet dies mittlerweile als eine hohe sprachliche Kompetenz.

Rückt durch den Spracherwerb auch automatisch die Kultur des jeweiligen Landes näher?

Ekinci: Sicherlich. Nehmen wir als Beispiel das Weihnachtsfest. Einige Migranten feiern ja dieses Fest nicht zu Hause, deshalb muss in der Schule und auch im Kindergarten zunächst der Wortschatz dazu erarbeitet werden. Dabei wächst das Verständnis für dieses Fest. Ein anderes Beispiel könnte die Rolle der Familie innerhalb einer Gesellschaft sein. So gibt es im Türkischen eindeutige Worte für die Verwandten mütterlicher oder väterlicherseits. Ein Onkel mütterlicherseits heißt day? und väterlicherseits amca. Hierbei kann der Lernende verstehen, dass Familie eine sehr große Rolle in diesem Land spielen kann.

© 2015 Neue Westfälische
01 – Bielefeld West, Freitag 04. September 2015




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