Neue Neonazi-Aktivitäten in Bielefeld

Rechtsextremismus: Sascha Krolzig (28) versucht, mit Flugblättern und Schulhof-CDs Mitstreiter für seine Partei zu gewinnen. Experten raten zu Aufklärung und Enttarnung seiner Strategie

Bielefeld. Die vielstimmige Kritik an der Asylpolitik in Deutschland spült derzeit auch zahlreiche Neonazis und Rechtsextreme an die Oberfläche. Auch in Bielefeld, wo Rechtsextreme lange Zeit keine Rolle gespielt haben. Sascha Krolzig, seit über zehn Jahren in der Neonazi-Szene aktiv, ist bereits 2010 für sein Jurastudium nach Bielefeld gezogen. Jetzt plötzlich versucht er, Mitstreiter für seine Partei „Die Rechte“ zu finden. Zuletzt verteilte er in der Nähe des Helmholtzgymnasiums an Jugendliche Schulhof-CDs.

Darauf finden sich Infos zum neu gegründeten Kreisverband Ostwestfalen, rechtsextreme Propaganda, Flugblätter sowie Videos und Musiktitel rechter Rockbands und Liedermacher. Die Songs sind altbekannt von Propaganda-CDs der NPD, die bereits zwischen 2004 und 2011 erschienen sind. Neu hingegen sind Fotos mit demagogischen oder nationalpathetischen Sinnsprüchen, die sich leicht in sozialen Netzwerken posten oder per Handy verbreiten lassen.

Die Bielefelder Schulen und ihre Schüler sind längst gewappnet. Schulamtsleiter Georg Müller hat per Mail darauf hingewiesen, dass sie sofort die Polizei alarmieren sollen, auch wenn sich die Verteiler nur auf dem Gehweg vor dem Schulgelände aufhalten. Die Direktoren und Lehrer haben ihre Schüler sensibilisiert. Der Staatsschutz ermittelt. Im Helmholtzgymnasium werden die Inhalte der verteilten CD bereits im Unterricht besprochen. Dort empfindet man es als eine „miese Tour“, da Schüler in dem Alter noch leichter zu beeinflussen seien als Erwachsene. Dorothea Bratvogel, Leiterin des Helmholtzgymnasiums, weiß zwar auch von der Neugierde der Jugendlichen, setzt aber auf deren kritische Fähigkeiten: „Die Schüler werden bei uns wie auch am Helmholtz sehr früh geschult, kritisch hinzuschauen. Ich bin zuversichtlich, dass sie keiner von ihnen mit dieser CD gewinnen lässt.“ Deshalb rät die Pädagogin auch Eltern, sich die Inhalte mit ihren Kindern zusammen anzusehen und darüber zu sprechen: „Wir sollten die CD nicht tabuisieren, das macht sie nur interessant. Wir sollten ihre Inhalte aber demaskieren.“

Karsten Wilke von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in OWL“, bestätigt: „Ich sage zu Aufklärung ja. Aber man sollte die Aktion nicht zum Tabubruch schlechthin erheben. Denn für die Rechte ist der größte Erfolg bereist erreicht: Man spricht über sie.“

Werden dann überhaupt noch CDs verteilt? Krolzig schreibt auf Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass wir im Laufe des Jahres eine Auflage im hohen dreistelligen Bereich herstellen werden.“ Er wolle damit Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren ansprechen und sie über seine Partei und ihre „an deutschen Interessen orientierte Politik“ informieren. Außerdem kündigte er an, vor allem im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften Flugzettel in fünfstelliger Stückzahl an private Haushalte zu verteilen.

Wiebke Esdar vom „Bündnis gegen Rechts“ nennt Krolzig bisher einen Einzelkämpfer in Bielefeld. Tim Sauer (24) aus Bielefeld und Stefan Koch (54) aus Löhne, die seit dem 16. Januar als seine Stellvertreter bekannt sind, seien keine echten Protagonisten. Bei Veranstaltungen trat Krolzig mit dem „reanimierten“ Bielefelder Alt-Neonazi Meinhard Otto Elbing auf. „Das zeigt, dass er ein Nachwuchsproblem hat“, sagt Esdar.

Aber der 28-Jährige hat aktuell viel Zeit, seitdem ihm das Oberverwaltungsgericht aufgrund seiner Vorstrafen (Volksverhetzung, Beleidigung, Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) im August das Rechtsreferendariat verwehrt hatte, und somit das zweite Staatsexamen für den 28-Jährigen unmöglich ist. Seitdem suche er Anerkennung.

Dabei komme ihm die aktuelle Schwäche der Bielefelder AfD entgegen, so Esdar. Laut Wilke nutze der Rechtsextreme deshalb gezielt öffentliche Auftritte bei städtischen Infoveranstaltungen zu Flüchtlingsunterkünften, um „als politischer Akteur“ sichtbar zu werden. „Dass organisierte Neonazis wie Krolzig und Co. ins Rathaus gehen und am Mikrofon sprechen, ist Ausdruck eines gestiegenen Selbstbewusstseins.“

Die Partei verfolge dabei übergreifend die Strategie, bei solchen Auftritten „auf Ängste abzuheben, die tatsächlich existieren“, sagte Wilke. Krolzig präsentiere sich daher konsensfähig und scheinbar sachkundig. Dabei arbeite er mit irgendwelchen Rechenbeispielen, die sich in einer Diskussion nicht einfach aushebeln ließen. „Darin sind die eigens geschult.“

Deshalb rät Wilke, sich gar nicht auf eine Diskussion einzulassen. Wer es argumentativ versuche, gerate automatisch in ihre Rechtfertigungsfalle, weil er für die Demokratie einstehe. „Es ist wichtig, dieses Vorgehen als Strategie zu entlarven. Denn diese scheinbare Sachlichkeit soll nur knallharte neonazistische Positionen verdecken.“ Klartext werde an anderer Stelle – etwa bei den Stammtischen – gesprochen, sagt Wilke.

Wiebke Esdar betont: „Sascha Krolzig ist seit über zehn als Neonazi aktiv. Bei ihm ist die ablehnende Haltung des Systems tief verankert.“ So habe er weiterhin Kontakte zu Geschichtsrevisionisten und zu nationalen Sozialisten aus Bad Nenndorfer Kreisen. Seine Partei sei antisemitisch und nicht mehr nur rechtspopulistisch. „Wir glauben daher, dass sich Menschen, die sich derzeit mit harscher Flüchtlingskritik beschäftigen, trotzdem von so einem Neonazi distanzieren werden.“

 

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03 – Bielefeld Süd, Samstag 23. Januar 2016



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