Pflichtfach: Schulwegtraining

Experten geben wertvolle Tipps, wie ihre Kinder künftig sicher zur Schule kommen

Von Jens Reichenbach

Bielefeld. 2.750 Erstklässler erwartet die Stadt Bielefeld pünktlich am 13. August zur Einschulung. Für viele Kinder bedeutet das, sich zum ersten mal allein im Straßenverkehr zurechtfinden zu müssen. Viele Eltern sind unsicher, ob sie ihre Kinder von Anfang an losschicken sollen. Verkehrspolizei, ADAC, Verkehrswacht und die Barmenia Versicherungen geben hilfreiche Tipps, wie Ihre Kinder sicher zur Schule und zurückkommen:

SCHULWEGTRAINING

Die dringendste Bitte aller Verkehrsexperten lautet: „Jetzt mit dem Üben beginnen.“ Schulanfänger lassen sich noch leicht ablenken, agieren oft impulsiv und sind im Straßenverkehr schnell überfordert. „Eltern sollten deshalb spätestens jetzt die Marschroute zur Schule trainieren“, sagt Maik Heidemann vom ADAC Bielefeld.

WELCHE ROUTE WÄHLE ICH?

Nicht immer ist der kürzeste auch der sicherste Weg, sagt Birgit Kastrup vom ADAC. Kleine Umwege, die zu Zebrastreifen oder Ampeln führen, sind sinnvoll, betont auch Oliver Schoettler von der Barmenia Bielefeld. Die Grundschulen und die Stadt Bielefeld haben sogenannte Schulwegpläne ausgearbeitet, auf denen die einfachsten Strecken, die von Ampeln begleitet werden, zu finden sind.

WO SIND DIE GEFAHREN?

Gerade das Überqueren von Straßen sollte besonders intensiv geübt werden. Kinder können in dem Alter Geschwindigkeiten noch nicht gut einschätzen. Wo das Verkehrsaufkommen hoch ist oder zu viele parkende Autos die Sicht versperren, heißt es Aufpassen. Eltern sollten deshalb auch öfter in die Hocke gehen, um die Situation aus der Perspektive des Kindes zu sehen, rät Svenja Brinkhaus von der Verkehrswacht.

WIE OFT SOLLTE ICH ÜBEN?

Die Bielefelder Verkehrswacht rät: „Je nach Strecke sind fünf bis zehn Trainingseinheiten notwendig, um alle Gefahren zu erfassen und den sicheren Weg zu verinnerlichen.“ Polizeihauptkommissar Michael Schefers nimmt besonders die Eltern in die Pflicht: „Nur was geübt wird, wird von den Kindern auch umgesetzt.“ Auch die Vorbildfunktion der Eltern ist nicht zu unterschätzen, sagt der Beamte: „Wenn Eltern es nicht so genau nehmen, üben die Kinder das falsche Verhalten ein.“

WANN GEHT’S ALLEINE?

Eltern sollten ihre Kinder anfangs zur Schule begleiten. Nur schrittweise sollten sie später dem Wunsch der Kinder nachgeben, alleine gehen zu dürfen. Dabei rät Irene Grüner von der Verkehrswacht, den Kleinen auf ihren ersten Alleingängen zunächst unbemerkt zu folgen. „Ob ein Kind wirklich fit ist und sich auch mit Freunden an Absprachen hält, lässt sich erst feststellen, wenn es sich unbeobachtet wähnt.“

FRÜH GENUG AUFSTEHEN

Das Kind sollte ausgeschlafen und rechtzeitig zur Schule gehen. „Eile erhöht die Unfallgefahr im Straßenverkehr“, sagt Schoettler. Außerdem gilt stets die Devise: „Nicht rennen, nicht pennen!“ Eine Straße sollte zügig, aber nicht im Laufschritt überquert werden. Immer die gerade, kurze Strecke über die Straße nehmen.

NICHT NUR HINHÖREN

„Die Schüler müssen im Verkehr hören und schauen lernen“, sagt Hauptkommissar Schefers. „Moderne Elektroautos hört man nicht mehr, die muss ich sehen“, so Schefers. Ohnehin haben Grundschüler Schwierigkeiten, Geräusche einzuordnen und erkennen Gefahren spät. Außerdem schließen sie von sich auf andere: „Was sie nicht sehen, existiert für sie nicht“, sagt Brinkhaus.

SICHTBAR SEIN

Bei schlechter Sicht erhöht eine Warnweste die Sichtbarkeit eklatant. Ein dunkel gekleidetes Kind kann im Abblendlicht eines Autos aus 25 Metern wahrgenommen werden. Trägt es helle Kleidung, ist es noch 15 Meter früher zu sehen. Warnwesten oder Reflektoren erhöhen die Sichtbarkeit sogar auf insgesamt 130 bis 140 Meter. Beliebt sind derzeit neben den Warnwesten mit Reißverschluss, Reflektorentierchen zum Anhängen und Neonsmileys für den Schulranzen.

ELTERNTAXI

Verkehrsexperten raten davon ab, Kinder mit dem Auto in die Schule zu bringen. „Das Elterntaxi ist für Kinder riskanter als der Weg zu Fuß“, sagt Birgit Kastrup vom ADAC Bielefeld. Kinder werden deutlich öfter bei Unfällen im Auto verletzt als zu Fuß. „Außerdem erziehen Eltern ihre Kinder mit dem Bringdienst zur Unselbstständigkeit.“ Forscher der Uni Bochum haben herausgefunden, dass reduzierte Selbstständigkeit zu mangelnder Raumkenntnis führt.

Kindersitz bis 1,50 Meter

Besonders viel Verunsicherung herrscht bei Erwachsenen hinsichtlich der Kindersitze im Auto. „Kinder unter 12 Jahren, die kleiner als 1,50 Meter sind“, erklärt Polizeihauptkommissar Rolf Bockermann, „müssen in Kindersitzen angeschnallt werden.“ Ist das nicht der Fall drohen 60 Euro Bußgeld. Auch wenn das Missverhältnis zwischen Kind und Kindersitz eklatant ist, ist ein Verwarngeld fällig. „Man sieht schnell, wenn der Kopf des Kindes zu weit über den Sitz hinausragt oder der Gurt fast übers Gesicht verläuft“, so Bockermann.

Wenn was passiert?

Und wenn doch etwas auf dem Schulweg passiert? Eine private Haftpflichtversicherung, die die Kinder einschließt, ist laut der Barmenia „ein Muss für Eltern“. „Sonst wird es im Schadensfall teuer, beispielsweise wenn ein Kind versehentlich ein parkendes Auto beschädigt“, so Schoettler. Auch empfehlenswert: die private Unfallversicherung. Verlässt das Kind den Schulweg, zahlt die gesetzliche Unfallversicherung nicht mehr.

© 2015 Neue Westfälische
01 – Bielefeld West, Freitag 07. August 2015




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